Spurensuche - Gedenktafeln in Herten

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“

(Theodor W. Adorno)

Gegen das Vergessen angehen, an Verbrechen erinnern, aus Fehlern lernen für eine andere, bessere Zukunft. Das hat Herten sich zur Aufgabe gemacht. „Herten hat keinen Platz für Rassismus“, sagen wir heute. Doch das war nicht immer so. Auch in Herten hatte das Nazi-Regime fest Fuß gefasst, auch in Herten wurden Andersdenkende verfolgt und ermordet, Bürgerinnen und Bürger terrorisiert oder Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter ausgebeutet.

Mit dem Projekt „Gedenkplatten“ haben der Bürgerpreisträger Hans-Heinrich Holland und eine Gruppe des Städtischen Gymnasiums unter den Lehrkräften Barbara Keimer und Gerd Kuhlke einen wichtigen Grundstein gelegt: An verschiedenen Stellen im Stadtgebiet wurden Gedenkplatten in die Straßen und Gehwege eingelassen, die an Kriegsgefangene, politisch und religiös Verfolgte, Regimekritiker, Zwangsarbeiter oder an Orte der NS-Herrschaft erinnern.

Eine Übersicht über alle Gedenkplatten, ihre Inschriften und ihre Geschichte finden Sie in der Broschüre "Spurensuche...", die sie im Glashaus und im Kulturbüro erhalten. Mit einem Klick auf das Foto der Broschüre können sich diese auch als PDF-Datei herunterladen.

Die Standorte in Herten

Resser Weg 8

Gedenkplattentext:

1933-1945
Hier war ein SA-Stammlokal, 
in dem Hertener geprügelt 
und gefoltert wurden.

In dieser berüchtigten Kneipe wurden zu Beginn des NS-Regimes viele Arbeiter gelockt und im Hinterzimmer von SA-Leuten verprügelt. Deshalb hieß diese Kneipe auch „Heißmangel“ oder „Dunkelkammer“.

In der Adolf-Hitler-Straße, heute Resser Weg, befand sich auch das Reichsbahndepot mit einer Unterkunft für Zwangsarbeiter/innen.

Gaststätte Ovelgönne - später Tanzlokal Flögel

Gymnasium, Schulhof am alten Portal Firma Schweisfurth

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier arbeiteten 115 
Zwangsarbeiter bei
der Fa. Schweisfurth.

Auf dem heutigen Schulhof–Gelände des Städtischen Gymnasiums befand sich die Fleischwaren- und Konservenfabrik Schweisfurth, früher Kuriger Straße/An der Feldhege.

Für die Firma Schweisfurth arbeiteten insgesamt 115 Zwangsarbeiter/innen, unter anderem aus Holland und Frankreich. Ein kleineres Lager befand sich auf dem Firmengelände der Firma Schweisfurth in Herten-Mitte. Laut Angaben des Unternehmens waren 60 Ostarbeiterinnen auf dem Firmengelände untergebracht. Dies geschah auf „Anweisung der Deutschen Arbeitsfront“, die eine Lagerunterbringung für Ostarbeiterinnen vorschrieb. Nach Zeitzeugenberichten wurden in diesem Lager auch Kinder geboren.

(Textquelle: Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter“ Seite 41)

Schulhof Gymnasium, im Hintergrund Reste der Fa. Schweisfurth um 1970
Gymnasium um 1959

Fußweg vom Herten-Forum zur Konrad-Adenauer-Str.

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier lebte die jüdische Familie
Dr. Loewenstein. Salamon starb
1937. Seine Frau Ida und zwei
Töchter überlebten das Kz.
Theresienstadt.

Das wohl bekannteste Mitglied dieser Familie war Dr. Sally (Salomon) Loewenstein (geb. 1866). Er hatte mit seiner Frau Ida (geb. 1870) drei Kinder: die Zwillinge Thekla und Grete (geb. 1893) und einen Sohn, Ludwig (geb. 1895). Das Wohnhaus und die Praxis befanden sich in der Backumer Str. 9 (später An der Feldhege). Das Haus wurde im Zuge der Innenstadtsanierung abgerissen; es stand ungefähr 100 Meter südlich des Gymnasiums.

Dr. Loewenstein genoss als Hausarzt besonderes Ansehen und Vertrauen. Sein Betätigungsfeld war nicht nur die Behandlung von Patienten, er nahm für die Gemeinschaft auch andere Aufgaben wahr. 1905 hatte er maßgeblichen Anteil am Aufbau der Hertener Sanitätskolonne und wurde Kolonnenarzt. Im Ersten Weltkrieg war er Frontoffizier sowie Generaloberarzt und Chefarzt eines Lazaretts. Für seine geleistete Arbeit erhielt er das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse und den Hohenzollern‘schen Hausorden. Nach dem Krieg ab 1918 führte er seine Praxis in Herten weiter, nahm aber auch an Veranstaltungen von Soldatenverbänden teil, wo er gerne seine Uniform trug.

1933 erhielt Dr. Loewenstein das Verbot, „Arier“ zu behandeln, und wurde aus dem Sonntagsdienst entfernt. Später wurde ihm befohlen, seine Praxis aufzugeben. Allerdings ließ sich die „Hertener Prominenz“ nach Einbruch der Dunkelheit, wenn die SA-Posten abgezogen waren, von ihm behandeln.

1935 musste er Herten verlassen und wurde gezwungen, nach Düsseldorf zu ziehen. Die Jahre politischer und rassistischer Verfolgung zermürbten seine Gesundheit. Zwei Jahre später (am 6 Treppenabsatz Seiteneingang Herten-Forum Herten 17.04.1937) starb Sally Loewenstein einsam und verlassen. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass Dr. Loewenstein sich selbst das Leben genommen hat.

Frau Loewenstein und ihre Töchter wurden in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, das sie aber überlebten. 1945 kamen sie nach Herten zurück und wohnten in dem heutigen VHS-Gebäude, das damals noch Schweisfurth gehörte. Sohn Ludwig emigrierte schon vor dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika. Seine Mutter und die Zwillinge folgten ihm nach dem zweiten Weltkrieg.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zu einer Geschichte der jüdischen Einwohner Hertens“ Seite 42 - 44)

Ehem. Haus der Familie Löwenstein um 1960
Straße "An der Feldhege" um 1950

Kurt-Schumacher-Straße 56 / Ecke Cirkel

Gedenkplattentext:

1933 – 1945
Hier lebte die jüdische
Familie Mendlicki.
Helene und Michael
wurden 1942 in Riga
ermordet.

Die Familie Mendlicki, Michael (geb. 1878), seine Frau Helene (geb. 1882), die Kinder Emma (geb. 1909) und Zwillinge Ruth und Manfred (geb. 1912), zog im Jahre 1913 nach Herten in die Ewaldstraße 25. Hier eröffnete Helene einen Zigarren, Zigaretten-, Tabak- und Zuckerwarenhandel. 1929 zog die Familie in das eigene Haus in die Markstraße 38.

Die Schwestern verließen schon früh den elterlichen Haushalt und arbeiteten als Kindermädchen und Köchin. Manfreds Beruf wird auf der Meldekarte als Schlosser bezeichnet. Zeitzeugen berichten, dass er seinem Vater bei Botendiensten half und schon in den 30er-Jahren einige Male heftig beschimpft und bespuckt wurde.

Die Familie Mendlicki kann als Beispiel dafür angesehen werden, was jüdischen Menschen in dieser Zeit alles angetan wurde. Ständige Bedrohungen der Familie waren an der Tagesordnung.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüstete die SA die gesamte Wohnung der Mendlickis und Helene wurde (laut Bericht einer Zeitzeugin) nur im Nachthemd bekleidet mit einem diskriminierenden Schild um den Hals durch die Ewaldstraße getrieben.

Während die Kinder ins Ausland emigrieren konnten, wurden die Eltern in Abwesenheit dazu verpflichtet im Juli 1942 zwangsweise in die Scherlebecker Baracke umzuziehen: Michael saß in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis in Recklinghausen, Helene war im Krankenhaus. Die Kosten für den Zwangsumzug mussten sie „selbstverständlich“ selbst tragen.

Im Januar 1942 wurden Michael und Helene Mendlicki nach Riga deportiert und dort zusammen mit 1.200 weiteren Juden erschossen (siehe S. 10 + 11).

(Hans-Heinrich Holland „Geschichte der jüdischen Einwohner“ Seite 47–52)

Das Haus der Familie Mendlicki

Ewaldstraße 18

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier war das jüdische 
Geschäft Abraham.
Ferdinand und Anna
wurden 1942 in Riga
ermordet.

Ab dem 12.02.1906 wohnte der Kaufmann Ferdinand Abraham in Herten in der Ewaldstraße 18. Er eröffnete am 16. März 1906 sein Geschäft für Manufaktur-Kurzwaren und Herrengarderobe, vermutlich zusammen mit seinem Bruder Joseph. Das Geschäft hieß von Anfang an: Gebrüder Abraham. Im selben Jahr heiratete Ferdinand Anna Löwenthal. Im Jahr 1929 starb sein Bruder Joseph.

Nach einem Totalräumungsverkauf am 10.10.1928 infolge der äußerst schwierigen wirtschaftlichen Lage (Weltwirtschaftskrise) schloss das Geschäft 1930. In die Geschäftsräume zog der Kaufmann Jacob Feuerstein. Das Ehepaar Abraham zog nach Dorsten, lebte aber ab dem 2. September 1935 wieder in Herten.

Die Demütigungen der Familie Abraham sollen schon 1935 begonnen haben. Mit dem Schild um den Hals „Ich bin der Jude Abraham, betrüge alle Leute“ wurde Ferdinand in Pantoffeln von SA-Leuten durch die Ewaldstraße geschleift. Dieser Vorfall konnte zeitlich nicht genau datiert werden.

Nach der Pogromnacht 1938 wurden die Abrahams gezwungen, ihr Haus zu „arisieren“, was einer Enteignung gleichkam. Sie behielten noch nicht einmal ein Wohnrecht, sondern wurden zwangsweise bei der Familie Mendlicki in der Marktstraße 38 untergebracht.

Während die Kinder ins Ausland emigrieren konnten, wurden die Eltern in Abwesenheit dazu verpflichtet im Juli 1942 zwangsweise in die Scherlebecker Baracke umzuziehen: Michael saß in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis in Recklinghausen, Helene war im Krankenhaus. Die Kosten für den Zwangsumzug mussten sie „selbstverständlich“ selbst tragen.

Im Januar 1942 wurden Michael und Helene Mendlicki nach Riga deportiert und dort zusammen mit 1.200 weiteren Juden erschossen (siehe S. 10 + 11).

(Hans-Heinrich Holland „Geschichte der jüdischen Einwohner“ Seite 47–52)

Die alte Ewaldstraße, vorne rechts das Geschäft der Fam. Abraham

Am Wilhelmsplatz 6, Ecke Wilhelmstraße

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Wilhelmsplatz
Hier fanden
Naziaufmärsche 
statt.

Auf dem Wilhelmsplatz in Herten-Mitte fanden in der Zeit von 1933 bis 1945 zahlreiche NS–Aufmärsche und -Kundgebungen statt.

Am 1. Mai 1933 wurde hier die zentrale NS–Veranstaltung aus Berlin mit der Rede von Adolf Hitler übertragen, in der er erstmalig den 1. Mai als „Feiertag der Nationalen Arbeit“ ausrief. Bereits am 10. April 1933 wurde der 1. Mai per Gesetz zum Staatsfeiertag bei vollem Lohnausgleich erklärt.

Damit gingen die Nationalsozialisten scheinbar auf eine alte Forderung der Arbeiterbewegung ein, um bei der arbeitenden Bevölkerung Sympathien für das Regime zu wecken. Seit dem 2. Mai 1933 waren die Gewerkschaften verboten.

(Quelle: Wikipedia)

Luftschutzübung um 1940 auf dem Wilhelmsplatz

Elisabethstraße

Gedenkplattentext:

1933 – 1945
Ludwig Cyranek widersetzte
sich aus religiösen Gründen
den Nazis. Am 03. Juli 1941 wurde 
er in Dresden hingerichtet.
Nie wieder Faschismus!

Ludwig Cyranek wurde am 1. September 1907 in Herten geboren. Er war ab Mitte der 20er Jahre hauptamtlich im Büro der Wachtturm-Gesellschaft in Magdeburg tätig. Von 1931 bis 1934 arbeitete er missionarisch in den Niederlanden, in Frankreich, Jugoslawien und Österreich.

In Mannheim und Siegburg wurden 1935 Gerichtsverfahren gegen ihn wegen seiner Tätigkeit für die Bibelforscher angestrebt. Nach seiner Verhaftung 1935 in Mannheim wurden die Verfahren zusammengefasst und er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Haftentlassung ging er zunächst nach Österreich. Anfang 1940 kehrte er nach Deutschland zurück, um die Organisation der Zeugen Jehovas wieder aufzubauen, die nach einer Verhaftungswelle durch die Gestapo 1938 fast aller Organisatoren beraubt war. Unter seiner Leitung wurde die Vervielfältigung des Wachtturms wieder betrieben und ein Nachdruck der Broschüre „Faschismus oder Freiheit“ bewerkstelligt.

Am 6. Februar 1940 wurde Cyranek in der Wohnung des vermeintlichen Glaubensbruders Müller in Stuttgart verhaftet. Am 3. Juli 1941 wurde Ludwig Cyranek für die heimliche Verteilung der Schriften in Deutschland und Österreich zum Tode verurteilt und in Dresden hingerichtet.

Neben den Juden waren die Zeugen Jehovas die am hartnäckigsten verfolgte religiöse Gruppe. Von den etwa 25.000 Anhängern war fast die Hälfte irgendwann inhaftiert. Davon kamen rund 2.000 ums Leben, mehr als 250 wegen der Verweigerung des Kriegsdienstes.

(Hans-Heinrich Holland „Standhaft trotz Verfolgung – Zeugen Jehovas in Herten 1933–1945“ Seite 9 ff, 2002)

Blick in die Elisabethstraße

Ewaldstraße 74

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier stand das
Braune Haus
Sitz der NSDAP und NS-Organisationen.
Zusatztafel: Nie wieder Faschismus

Das „Braune Haus“ war der Sitz der Zentrale der NSDAP von Herten mit dem Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Franz Bernaschek. Außerdem waren hier die SA, die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die NS-Volkswohlfahrt, die NS-Frauenschaft und die Freizeitorganisation Kraft durch Freude (KdF) untergebracht.

Bis 1932 befand sich in direkter Nachbarschaft (Ewaldstraße 70) das Haus mit dem Geschäft von Simon Jacobi, der über Recklinghausen am 27.01.1942 nach Riga deportiert und im November 1942 dort erschossen wurde.

Geschäftsstelle der NSDAP in der Ewaldstraße

Breslauer Str. 15 (Ecke Roonstraße)

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier war ein Lager für
800 Zwangsarbeiter.
Sie wurden aus ganz
Europa hierher
verschleppt, vor allem
aus Rußland.

Hier waren ca. 800 Zwangsarbeiter der Zeche Ewald untergebracht.

Den Unterlagen aus Belgien zufolge gab es im Lager Roonstraße keine Kriegsgefangenen, sondern wohl ausschließlich zivile Zwangsarbeiter.

Zum Ende des Krieges änderte sich dies und hier wurden dann die italienischen Kriegsgefangenen der Vestischen Straßenbahnen untergebracht. Die italienischen Kriegsgefangenen wurden vor die Wahl gestellt, entweder Zwangsarbeit zu leisten oder zum Krieg an die Ostfront geschickt zu werden.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter“ Seite 47)

Das Lager an der Roonstraße

Hohewardstraße

Gedenkplattentext:

1941 – 1945
Hier mussten 1200 Kriegsgefangene
und Zwangsarbeiter leben, die auf 
der Zeche Ewald arbeiteten.

Das Lager an der Hohewardstraße war das größere in Herten-Süd. Neben den russischen Zwangsarbeitern wurden im 2. Bauabschnittrussische Kriegsgefangene untergebracht, die in der Hierarchie der Nazis als Untermenschen eingestuft und auch so behandelt wurden.

Seit den 80er Jahren ist das Gelände durch Berggestein der Zechenvöllig bedeckt und verschwunden. Heute befindet sich dort der Landschaftspark Hoheward.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter“Seite 42)

Blick auf das Lager Hohewardstraße
Landschaftspark Hoheward

Richterstraße 4

Gedenkplattentext:

Über 30 Jahre lebte 
hier das Ehepaar 
Helene und Sally Leyde. 
1943 wurden beide in 
Auschwitz ermordet.

Der Handlungsgehilfe Sally Leyde stammte aus Süddeutschland. Er wurde am 9. Januar 1882 in Kielau, Kreis Neustadt, geboren. 1904 kam er nach Disteln und zog ein Jahr später nach Scherlebeck. Erst im Jahr 1906 zog seine Frau Helene zu ihm in die Richterstraße.

Sally hatte in Scherlebeck ein Geschäft eröffnet. Laut Gewerberegister wurde sein Handel mit Arbeitsgarderobe, Schuhe, Manufaktur- und Kurzwaren am 8. Oktober 1909 eingetragen. Zeitzeugen berichten über die Familie Leyde sehr nette positive „Geschichten“. Sally Leyde war ein begeisterter Förderer des Vereinswesens. Er förderte insbesondere den Fußball in Scherlebeck. Er soll sehr enttäuscht gewesen sein, dass er sich auf Druck der Nazis davon fernhalten sollte.

Der Wegzug von Herten erfolgte in „Raten“. Erst verließ Sally am 2.12.1935 Herten in Richtung Berlin-Charlottenburg. Seine Frau Helene folgte ihm am 15.06.1936 nach Berlin. Bevor Sally Leyde später deportiert wurde, musste er noch als Schuhmacher Zwangsarbeit bei der Firma Alsi in Berlin leisten. Über das Sammellager Levetzowstraße 7–8 wurde er mit dem 33. Transport vom 3. März 1943 nach Auschwitz gebracht. Sein Todestag ist nicht bekannt.

Helene Leyde musste einen Monat später, mit dem 37. Transport am 19. April 1943, ebenfalls den Weg nach Auschwitz antreten. Auch über ihren Todestag gibt es im Bundesarchiv in Berlin keine Informationen.

Die Namen von Sally und Helene Leyde sind auf dem Gedenkstein des jüdischen Friedhofs in Recklinghausen aufgeführt.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zu einer Geschichte der jüdischen Einwohner“ Seite 39–41)

Richterstraße um 1905

Scherlebecker Str. 260

Gedenkplattentext:

1941 – 1945
Hier mussten 120 – 150 Zwangsarbeiter
und Kriegsgefangene leben und für 
die Zeche arbeiten.

Eine Skulptur, die von Schülerinnen und Schülern der Martin-Luther-Hauptschule in Westerholt in Zusammenarbeit mit dem Gelsenkirchener Künstler Achim Wagner erstellt worden ist, erinnert an das Leiden der Zwangsarbeiter/innen.

In Scherlebeck waren auf dem Gelände der 1929 stillgelegten Schachtanlage V/VI der Zeche Schlägel & Eisen vor allem französische Zwangsarbeiter untergebracht. Nach Angaben des Ortsbauernvorstehers (1947) soll es sich bei den Franzosen um Kriegsgefangene gehandelt haben. Während im Lager in Langenbochum v. a. Ostarbeiter bzw. russische Kriegsgefangene untergebracht wurden, fanden in Scherlebeck vor allem Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene aus westlichen Ländern Unterkunft.

Die restaurierte Maschinenhalle ist das einzige noch existierende steinerne Zeugnis der Zeit der Zwangsarbeiter in Herten.

Die Maschinenhalle heute

Agnes-Miegel-Straße 2 - 4

Gedenkplattentext:

1941 – 1945
Hier befand sich der Eingang 
zum Lager der Zeche
Schlägel & Eisen, 
in dem 2600 Zwangsarbeiter 
und Kriegsgefangene 
untergebracht waren.

Für die Zeche Schlägel & Eisen arbeiteten 1.146 russische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die im Lager Lyckstraße/Hindenburgstraße untergebracht waren. Offiziell sind 25 dieser Menschen im Lager verstorben, andere wurden für untauglich oder krank erklärt. Einzelne wurden auch zur Strafarbeit verlegt, von der Gestapo verhaftet oder ins Konzentrationslager gebracht. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden häufig wegen geringer Anlässe von den Wachen verprügelt, z.B. wenn sie ohne Kennzeichnung das Lager verlassen wollten. Die Nahrung bestand aus zwei Stück Brot pro Tag sowie zwei Tellern Brühe mit Steckrüben oder Spinat.

Das Lager Lyckstraße war das größte Kriegsgefangenenlager in Herten mit ca. 2.600 russischen Gefangenen, die unter erbärmlichsten Bedingungen leben mussten. Am 29.03.1945 konnten die überlebenden 616 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter das Lager verlassen, nachdem sie von der US-Armee befreit worden waren. Quer durch das Lager wurde in den 60er Jahren eine neue Straße gebaut und nach der dem Nationalsozialismus sehr eng verbundenen Dichterin Agnes Miegel benannt.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter“)

Blick auf das Lager

Langenbochumer Straße (Waldschule)

Gedenkplattentext:

Februar 1942
noch vor der Ermordung der Ehepaare 
Abraham und Mendlicki in Riga wurden 
hier ihre letzten Habseligkeiten versteigert.
Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg 

Einen Monat nach der Deportation der Familien Abraham und Mendlicki wurden am 20. Februar 1942 um 15 Uhr in Langenbochum die zurückgelassenen Möbel der beiden Familien öffentlich versteigert, was auch bedeutete, dass niemand damit rechnete, dass diese Menschen irgendwann wieder zurückkommen würden. Sämtliche Ortsgruppen wurden gebeten, den Parteigenossen den Termin bekannt zu geben, damit sie dort die „Beute“ günstig ersteigern konnten. Im Katasteramt der Stadt fanden sich auch Unterlagen über die Arisierung des Mendlickischen Grundbesitzes in der Marktstraße. Im Grundbuch des Grundstückes Marktstraße 38 wurde die Beschlagnahme durch das Großdeutsche Reich festgehalten. Mit Wirkung vom 11. Juli 1942 verfügte der Oberfinanzpräsident von Westfalen in Münster über das Vermögen. Nach Aussage von Rolf Abrahamsohn lebten Helene und Michael Mendlicki zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Das Wiedergutmachungsamt am Landgericht Bochum sprach in einem Beschluss vom 04. September 1950 den Erben Manfred und Emma Mendlicki das beschlagnahmte Eigentum wieder zu (siehe S. 8 + 9 und 10 + 11).

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der jüdischen Einwohner Hertens“ Seite 52)

Talstraße 12

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier wohnte die Familie Harter,
die unter politischer Verfolgung
schwer gelitten hat.

Ernst Harter wurde am 17. Juli 1909 in Altenessen geboren. Sein Vater wurde 1915 im Ersten Weltkrieg als Soldat eingezogen. Die Mutter musste unter den furchtbaren Kriegsbedingungen mit den Kindern alleine fertig werden. Dies prägte auch die politische Einstellung der Harter-Brüder. Ernst wurde Mitglied der KPD und des Rotfrontkämpferbundes und organisierte in Gelsenkirchen-Buer Bildungsveranstaltungen für Jugendliche.

1942, mit 24 Jahren, emigrierte Ernst nach Holland und Belgien und arbeitete illegal für die KPD weiter. Kurz vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Belgien wurde Ernst Harter aufgrund seines politischen Engagements verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

1942 wurde er in das KZ Sachsenhausen überführt, am 22.10.1944 brachte man ihn in das KZ Mauthausen. Ernst Harter überlebte das Massenvernichtungslager und zog in die DDR.

Franz Harter wurde am 12.09.1905 geboren, von Beruf war er Klempner. Franz Harter war in den verschiedenen europäischen Ländern in der kommunistischen Bewegung tätig. Im April 1933 fand eine „große Polizeiaktion“ im Präsidialbezirk Recklinghausen statt, bei der 80 kommunistische Funktionäre in Gelsenkirchen und Westerholt festgenommen wurden, unter ihnen auch Franz Harter. An einen offenen Lastwagen gekettet, wurde Franz Harter durch die Straßen von Westerholt geschleift und durch Herten gefahren. Er wurde gefoltert und im Mai 1933 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Kurz vor Beendigung seiner Haftstrafe wird er völlig überraschend (obwohl schwer lungenkrank) in das Konzentrationslager–Sachsenhausen transportiert. Am 31.3.1940 schrieb er seinen letzten Brief an seine Schwester. Franz Harter wurde erschossen. Den Eltern wurde mitgeteilt, dass er an einer Krankheit verstorben sei. Seine Tochter Inge, die kurz nach seiner Verhaftung geboren wurde, hat Franz Harter nie gesehen.

Hilde Harter war Jüdin und emigrierte nach Holland, wo sie in jüdischen Haushalten arbeitete. 1942 trat sie der KPD bei und wurde später verhaftet. Im August 1944 wurde sie für ein knappes Vierteljahr in Malin (Belgien), einem Sammellager für Auschwitz, gefangen gehalten. Sie hatte das Glück, der Deportation zu entgehen. Hildes Eltern und über zwanzig ihrer Verwandten starben im Ghetto und in Konzentrationslagern. Nach 1945 war Hilde als Funktionärin des Demokratischen Frauenbundes Deutschland im Ruhrgebiet tätig. Im Rahmen dieser politischen Tätigkeit lernte sie Ernst Harter kennen.

(Broschüre: Lebens- und Leidensweg der Westerholter Familie Harter, Detlev Beyer-Peters, Fassung vom 21.04.1998, Herausgeber DKP-Kreisorganisation Re)

Bahnhofstraße 6

Gedenkplattentext:

1933 - 1945
Hier war der
Adolf-Hitler-Platz.
Die Steinstraße hieß
Straße der SA.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Platz vor dem Rathaus Westerholt (Bahnhofstr. / Ecke Hertener Str.) Adolf-Hitler Platz genannt.

Die Steinstraße in Westerholt hieß in dieser Zeit „Straße der SA“.

2011
1952

Schloßstraße

Gedenkplattentext:

1940 -1945
Hier waren über 30 Kriegsgefangene 
und Zwangsarbeiter untergebracht.

Die Unterbringung der Kriegsgefangenen erfolgte von 1940–1942 im Tanzsaal einer Wirtschaft. Die hier lebenden Kriegsgefangenen, später Zwangsarbeiter (1942–1945), waren alle Franzosen. Die Umgebung wurde zur Zeit der Unterbringung der Kriegsgefangenen mit Stacheldraht abgetrennt. Eine amtliche Bezeichnung des Lagers ist nicht bekannt. Die Bevölkerung nannte es Kriegsgefangenenlager.

(Hans-Heinrich Holland „Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter“ Seite 36)

Die Schloßstraße Oktober 1971

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